Mahnmal der Geschichte / Gehrenseestraße

1 – An einem kalten klaren Oktobervormittag 2022 besuchte ich zum ersten Mal die Überreste eines der größten Wohnheimkomplexe der ehemaligen DDR – erbaut als gigantisches Plattenbau-Ensemble mitten in Berlin und verlassen seit nunmehr 20 Jahren. Von 1977 bis 2003 lebten hier zumeist vietnamesische Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in insgesamt 9 Wohnblöcken. Dieser Ort legt Zeugnis ab von ihrem Leben, ihren Wohn- und Arbeitsbedingungen in der Zeit der Diktatur im Osten Deutschlands, vom Eingesperrt-sein in einem eingesperrten Land – eine vergessene gerne verdrängte DDR-Geschichte, die 2026 in Venedig* zu bestaunen oder zu betrauern sein wird.

Dieser Ort erzählt uns Geschichten von der Nachwendezeit bis heute, Geschichten von wechselnden Investoren aus dem Westen in einer wachsenden Stadt mit akutem Wohnungsnotstand. Aber auch von neuen Hoffnungen und Träumen, von Jugendkultur und Bandenkriminalität. Dieser nur sehr schwer zu ertragende Ort erzählt für mich zum Glück aber auch: Die Geschichte vom unbändigen Überlebenswillen alles Lebendigen.

2 – Im Sommer 2023 komme ich in Begleitung ein zweites Mal hierher, traue mich sogar ins Innere, vorsichtig, sehe auch hier zum ersten Mal von innen nach außen, auf neu gewachsene Bäume, und ein neu entstandenes Container-Wohnheim. Vögel durchfliegen und Tiere besiedeln von Menschen verlassene Räume. Wird hiervon etwas bleiben als Denkmal an unsere Zeit?

Berlin-Lichtenberg, Gehrenseestraße, Oktober 2022 / Juni 2023

*Die Künstlerin Sung Tieu hat für die Kunstbiennale 2026 in Venedig den Deutschen Pavillon in einen Plattenbau verwandelt. Die Vorlage bildete die Fotografie eines Wohnblocks in der Gehrenseestraße. Sung Tieu lebte mit ihrer Mutter einige Jahre an diesem Ort.